Was am Handgelenk bleibt

Von Die Redaktion · Veröffentlicht am

Was legt ein Fondsmanager ab, der seinen Schlaf am Finger misst? Vermutlich die Smartwatch, die seit gut 10 Jahren am Arm sitzt, denn der Ring des finnischen Herstellers Oura erfasst für 400 bis 500 USD Puls, Schlaf und Bewegung. Ende September hat Oura seinen Börsengang an der Nasdaq in letzter Minute verschoben. Ob der Ring eine Mode bleibt, ist offen. Setzt er sich durch, wird ein Handgelenk frei.

Für die Uhrmacher im Schweizer Jura klingt das nach Rettung, doch diesen Platz haben sie schon einmal verloren. Zwischen 1970 und 1984, als japanische Quarzuhren genauer und billiger gingen, verschwanden zwei Drittel ihrer Stellen. Seither dient ihnen das Handgelenk als Schaufenster, nicht als Messplatz: Seit 2011 hat die Branche ihre Stückzahl auf 14,6 Mio. halbiert und den Exportwert auf 25,6 Mrd. CHF gesteigert. Der Ring verdrängt also die Smartwatch, die Daten über ihren Träger sammelt, und schafft der Uhr aus dem Jura Platz.

Bisher zahlten vor allem wohlhabende Amerikaner für dieses Schaufenster, die USA sind der größte Abnehmer. Dort hat Washington binnen 15 Monaten vier Zollsätze auf Schweizer Uhren gelegt: 39%, nach Verhandlungen des Bundesrats, der Schweizer Regierung, 15%, dann 10% und zuletzt 12,5%. Begründet wird der letzte Zoll damit, dass die Schweiz Waren aus Zwangsarbeit nicht eigens verbiete. Die Lieferungen in die USA fielen im ersten Halbjahr um 14,8%, nach 9 Monaten stehen die gesamten Exporte trotzdem 2,7% im Plus. 2026 wird über 2025 schließen.

Der frei werdende Arm gehört aber häufiger einer Frau. Mehr als die Hälfte der Frauen trägt nach Umfragen nur eine Smartwatch oder wechselt zwischen ihr und einer Uhr, und weniger als ein Drittel der Käufer teurer Uhren sind Käuferinnen. Jahrzehntelang dekorierte die Branche das Schaufenster der Frauen mit verkleinerten Herrenmodellen, Diamanten auf der Lünette. Gewonnen haben bei Frauen Cartier und Hermès, zwei Marken, die eher Silhouetten verkaufen als Uhrwerke.

Beide tragen Pariser Namen. Cartier fertigt aber in La Chaux-de-Fonds im Neuenburger Jura und gehört dem Genfer Konzern Richemont, Hermès baut seine Uhren bei Biel, dem Sitz der Swatch Group. Juweliere und Sattler verstehen sich auf Schaufenster. Die nächste Damenikone wird ein Juwelier entwerfen, ohne aufwendige Mechanik, gebaut wird sie trotzdem im Jura.

Die Messung wandert dorthin, wo sie am wenigsten stört, die Uhrzeit vom Arm aufs Telefon, Puls und Schlaf an den Finger, demnächst vermutlich ins Ohr. Ein Schaufenster wirkt erst, wenn ein Fremder es in einer Sekunde wiedererkennt, und dafür braucht eine Form Jahrzehnte, die sich weder mit Risikokapital kaufen noch per Zoll aus Washington wegnehmen lassen. Auf Dauer exportiert ein Land am sichersten, was andere am langsamsten nachbauen, und Zeit lässt sich nicht nachbauen.

Zuerst erschienen in der Ausgabe vom 26 octobre 2026

Der Newsletter Schweizer Denken, globale Perspektive.

Kostenlos · kein Spam · Abmeldung mit einem Klick