Das freie Handgelenk
Wem gehört eigentlich das linke Handgelenk eines Hedgefondsmanagers? Seit der Pandemie meistens Apple. Der Anteil der Konsumenten, die eine klassische Uhr tragen, ist von 46% im Jahr 2020 auf 26% gefallen. Nun bietet ein finnisches Unternehmen an, das Grundstück zu räumen: Oura hat in 12 Monaten 3,6 Mio. Ringe verkauft, und in Kanzleien vergleicht man inzwischen den eigenen Schlafwert.
Eine Apple Watch für 400 bis 1.000 $ landet nach vier oder fünf Jahren im Müll, eine Rolex kostet im Schnitt 17.000 $, und gekauft wird sie, weil man etwas erreicht hat, kaum je wegen der Uhrzeit. Rund 200 Mio. Smartwatches und Fitnessbänder dürften 2026 verkauft werden, die Schweizer Uhrenindustrie pendelt seit Jahren um 15 Mio. Einheiten. Bei dieser Basis fielen schon einige hunderttausend frei gewordene Handgelenke der richtigen Kundschaft ins Gewicht.
Oura hat seinen Börsengang am 29. September abgesagt, bei angestrebten 15,6 Mrd. $, und Firmenchef Tom Hale ließ wissen, man könne sich den Zeitpunkt aussuchen, was man so lange sagt, bis es nicht mehr stimmt. Schwerer wiegt das Versäumnis in Genf und Biel: Weniger als ein Drittel der Käufer teurer Uhren sind Frauen, und die Branche hat ein Jahrzehnt lang Herrenmodelle verkleinert, ein paar Diamanten verteilt und das Damenkollektion genannt. Den Frauenmarkt teilen heute Rolex, Cartier und Hermès fast unter sich auf, und eine Ikone baut man nicht in fünf Jahren, vielleicht in zwanzig, wenn die Mode mitspielt und die Erben.
Im August sanken die Uhrenexporte in die USA, den größten Einzelmarkt, um 19,4% auf 197,5 Mio. CHF, während Frankreich um 113,5% zulegte. Seit April 2025 galten für Schweizer Uhren fünf Zollsätze, 10%, 39%, 15%, 10% und seit dem 24. Juli 12,5%, Letzterer gestützt auf Section 301, ein Handelsgesetz von 1974, mit der Begründung, die Schweiz tue zu wenig gegen Zwangsarbeit, weshalb lose Diamanten zollfrei einreisen, dieselben Steine aber, sobald sie in einer Lünette aus dem jurassischen Vallée de Joux sitzen, 12,5% kosten, und welche Zwangsarbeit man dort vermutet, bleibt das Geheimnis der Verfasser. Was Trump Handelspolitik nennt, ist eine Schnitzeljagd nach Paragrafen, die der Supreme Court noch nicht kassiert hat. Der Bundesrat, die Schweizer Landesregierung, bestreitet den Vorwurf und hält sich trotzdem an die Erklärung vom November 2025.
Von Januar bis August stiegen die Schweizer Uhrenexporte dennoch um 1,7% auf 17,24 Mrd. CHF, weil eine Branche, die rund 95% ihrer Produktion in fast 200 Märkte verschifft, einen launischen Kunden verkraftet. Der Satz von 12,5% wird das Frühjahr 2027 nicht erleben. Das Handgelenk wird frei; bebauen müssen es Genf und Biel, für Kundinnen diesmal, und bevor in Washington der nächste Paragraf gefunden ist.
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