🍷 Charisma ist ein Klumpenrisiko
Elf Jahre saß ein Winzer aus dem Kanton Waadt in der Schweizer Regierung, und das Ausland lächelte. Es hätte nachrechnen sollen: Unauffälligkeit ist die bestverzinste Tugend im Amt.
Jeder Bankier, der ein paar Zyklen überlebt hat, kennt den teuersten Mann im Haus. Es ist der mit der größten Ausstrahlung. Er gewinnt Mandate, Säle, Schlagzeilen, und dann verliert er an einem einzigen Tag, was 20 unauffällige Kollegen in Jahrzehnten zusammengetragen haben. Wirecard hatte so einen Chef, einen Platz im DAX und eine Gemeinde von Gläubigen, bis 2020 in der Bilanz 1,9 Mrd. € fehlten. Wir haben das in jeder Blase gesehen. Charisma konzentriert das Schicksal eines ganzen Hauses auf einen einzigen Kopf, und Köpfe irren.
Die Schweiz hat dieses Risiko in ihre Verfassung eingepreist. Ihre Regierung, der Bundesrat, besteht aus sieben gleichberechtigten Ministern, die das Parlament wählt; der Bundespräsident ist bloß ein Jahr lang Erster unter Gleichen und danach wieder Kollege. Wer dort hinein will, braucht keine Gefolgschaft, sondern Stimmen von links bis rechts. Wer trotzdem Gefolgschaft sucht, wird abgestoßen wie eine Wucherung, die alles Blut für sich beansprucht. Die SVP, stärkste Partei des Landes, hat das 2007 mit ihrem eigenen Volkstribun erlebt. Guy Parmelin, Weinbauer aus Bursins am Genfer See, hat am 2. Oktober seinen Rücktritt auf Ende Jahr erklärt, als dienstältestes Mitglied und im zweiten Präsidialjahr.
In Washington belegte ein Präsident im August 2025 Schweizer Waren nach Tagesform mit 39% Zoll. Schweizer Milliardäre pilgerten mit Geschenken ins Weiße Haus, ihre Konzerne stellten 200 Mrd. USD Investitionen in Aussicht. Es wirkte, vorerst: 15%. Man nennt das Diplomatie. Im Milieu hieße es Schutzgeld, und Schutzgeld zahlt man nie nur einmal. Parmelin hat derweil das Freihandelsabkommen mit Indien über die Ziellinie gebracht: 21 Runden in 16 Jahren, seit Oktober 2025 in Kraft, verbunden mit der Zusage der vier EFTA-Staaten, 100 Mrd. USD in 15 Jahren zu investieren. Niemand ergriff dagegen das Referendum, jenes Volksveto, das jedem Gesetz und Staatsvertrag 100 Tage lang droht. Kein Getöse. Zinseszins.
Am 9. Dezember wählt das Parlament seinen Nachfolger, und die Versuchung ist dieselbe wie in jedem Aufsichtsrat nach einem soliden Chef: endlich jemand mit Glanz. Der Bund zahlt seinen ehemaligen Regierungsmitgliedern ein Ruhegehalt von 239K CHF im Jahr und kürzt es, sobald sie anderswo das große Geld verdienen. Selbst im Ruhestand belohnt das System den Verzicht. Ein deutscher Altkanzler übernahm nach dem Amt den Aufsichtsratsvorsitz bei Rosneft. Wer die Schweizer Regel provinziell findet, möge nachrechnen, was Berlin die andere gekostet hat.
Brillanz ist Fremdkapital. Irgendwann wird sie fällig.
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