Die Schranke vor der Spritze

Von Die Redaktion · Veröffentlicht am

Was kostet es, einen Verkauf von 2014 rückgängig zu machen? L'Oréal hatte damals seine Hälfte an Galderma für 2,6 Mrd. EUR an Nestlé abgegeben. Seit 2024 kauft der französische Kosmetikkonzern zurück, und schon das zweite Zehntel war zum Börsenkurs gut 4 Mrd. EUR wert, Prämie nicht eingerechnet. Galderma, nach AbbVie die Nummer zwei bei ästhetischen Injektionen, sitzt im steuergünstigen Kanton Zug und legt Ende Oktober Quartalszahlen vor.

Eine Creme steht im Drogerieregal neben ihren Nachahmern. Botulinumtoxin ist verschreibungspflichtig und gelangt nur durch die Hand eines Arztes in eine Stirn. Zwischen Hersteller und Kundin steht eine staatliche Schranke, und an ihr kassiert, wer die Zulassung besitzt: bei Galderma 826 Mio. USD im ersten Halbjahr 2026. L'Oréal, Besitzer des größten Regals der Welt, kauft die Schranke, weil eine Frau, die sich spritzen lässt, nach Rechnung seines Chefs Nicolas Hieronimus doppelt so viel für Cremes ausgibt.

In Paris galt der Tausch von 2014 als Meisterstück. Konzernchef Jean-Paul Agon kaufte Nestlé 8% der eigenen Aktien ab und bezahlte teils mit der Schranke, der Gewinn je Aktie stieg um über 5%, und weil Nestlé das lange stagnierende Hautgeschäft 2019 für 10,2 Mrd. CHF, einen anständigen Preis übrigens, an ein Konsortium um den schwedischen Investor EQT verkaufte, landete die Firma bei Eigentümern, die sie 2024 an der Zürcher Börse SIX platzierten, im größten Börsengang der Schweiz seit 2017.

Im April durchsuchten französische Ermittler die Galderma-Niederlassung bei Paris, weil Toxin an Allgemeinärzte gegangen sein soll, die es nicht spritzen dürfen. Knapp drei Wochen zuvor war in Villeurbanne bei Lyon eine Frau gestorben, nachdem eine Instagram-Influencerin ihr in einer Mietwohnung Hyaluronsäure gespritzt hatte. Gegen sie wird nun ermittelt. Den Feldweg neben der Schranke betritt der Staat erst, wenn dort jemand liegt.

Vorbeugend kontrolliert wird, wer Lieferscheine ausstellt. Galderma hat 2025 über 100.000 Ärzte und Pflegekräfte im Spritzen geschult und bewacht die Schranke damit selbst. Die Ermittlung wird, falls überhaupt, mit einer Buße enden, bezahlt aus einem Quartal, und mit Meldepflichten für Apotheker, die die Schranke verengen und damit verteuern. L'Oréal hat versichert, bei 20% zu bleiben. Hieronimus wird das vor 2030 zurücknehmen, zu einem Preis, neben dem die 2,6 Mrd. EUR von 2014 wie eine Anzahlung aussehen.

Am längsten verdient, wer eine Schranke besitzt, die ein Staat errichtet hat: eine Zulassung oder ein Diplom am Praxiseingang. Basel, Sitz von Roche und Novartis, lebt seit über einem Jahrhundert davon, und Galderma ist nach drei Eigentümerwechseln in der Schweiz geblieben. Wer eine davon gegen einen Bilanzeffekt eintauscht, kauft sie später in Raten zurück, zum Tageskurs und ohne Mehrheit.

Zuerst erschienen in der Ausgabe vom 5 octobre 2026

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